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Hundewissen einfach erklärt

Hundetraining ohne Gewalt und Strafe – geht das überhaupt?

In der Hundeszene liest man gerade überall Sätze wie

„Hundetraining muss ohne Gewalt funktionieren“ oder „Ich arbeite komplett ohne Strafe“.

Das klingt erst einmal gut. Niemand möchte, dass Hunde geschlagen, angeschrien oder gebrochen werden. 

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Aber wenn man genauer hinschaut, merkt man schnell: Viele Begriffe werden durcheinandergeworfen. Gewalt, Strafe, Konsequenz, Druck, Motivation. Alles landet in einem Topf.

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In diesem Text geht es nicht darum, Gewalt schönzureden. Im Gegenteil. Gewalt hat im Hundetraining nichts verloren. 

Es geht darum, Begriffe sauber zu klären und verständlich zu machen, was Lernen überhaupt ist und warum es ohne jede Form von Strafe und ohne jeden Druck gar nicht funktionieren kann.

Was ist Gewalt und was nicht?

Wenn wir von Gewalt sprechen, meinen wir im Alltag meist Situationen, in denen jemand einem anderen absichtlich körperlichen oder seelischen Schaden zufügt.

Auf den Hund bezogen ist Gewalt zum Beispiel:

• Körperliche Gewalt:

Schlagen, Treten, Leinenrucke, die Schmerzen verursachen, Würgehalsbänder, Stachelhalsbänder, Stromreize, Niederdrücken, grobes Anfassen.

• Psychische Gewalt:

Anschreien, Bedrohen, Einschüchtern, massives Erzeugen von Angst, Drohgebärden, die den Hund in Panik versetzen.

• Soziale Gewalt:

Einsperren als Strafe, Entzug von Wasser oder Futter, Isolation, bewusster Entzug von Nähe und Sicherheit als Druckmittel.

Hier gibt es nichts zu diskutieren. Das ist nicht „konsequent“, nicht „klar“, sondern schlicht Gewalt. Fachlich unnötig und ethisch nicht vertretbar.

 Wichtig ist aber:

Nicht jede Grenze, nicht jede Konsequenz und nicht jede Form von „Nein“ ist Gewalt. Wenn wir alles, was dem Hund nicht gefällt, als Gewalt bezeichnen, verlieren wir die Möglichkeit, sinnvoll über Ethik und Training zu sprechen.

Was bedeutet Strafe in der Lerntheorie?

Das Wort „Strafe“ ist emotional stark belastet. Viele denken an Schuld, Bestrafung, Rache. In der Lerntheorie meint Strafe etwas viel Einfacheres: Mehr nicht. Es geht nicht um Moral, sondern um Wirkung.

Es gibt zwei Formen von Strafe:

• Positive Strafe:

Es kommt etwas Unangenehmes dazu.

Beispiel: Der Hund springt hoch, der Mensch sagt scharf „Nein“.

Das kann schon Strafe sein, ohne dass es Gewalt ist.

• Negative Strafe:

Etwas Angenehmes wird weggenommen.

Beispiel: Der Hund springt hoch, der Mensch dreht sich weg und entzieht Aufmerksamkeit.

Oder: Der Hund schnappt nach dem Leckerli, das Leckerli wird weggenommen.

Negative Strafe ist ein zentraler Bestandteil modernen, gewaltfreien Trainings.

Immer wenn ein Hund etwas nicht bekommt, was er gern hätte, ist das aus Sicht der Lerntheorie Strafe. Auch wenn wir es im Alltag „Ignorieren“, „Abwarten“ oder „Frustrationstoleranz“ nennen.

Das Entscheidende ist:

Strafe im fachlichen Sinn ist nicht automatisch Gewalt. Gewalt ist immer problematisch. Strafe kann mild, fair und gewaltfrei sein.

  

Kann Hundetraining ohne Gewalt funktionieren?

Ja.

Hundetraining kann und soll ohne Gewalt funktionieren. 

Es gibt keinen fachlichen Grund, einem Hund Schmerzen zuzufügen oder ihn in Angst zu versetzen, um ihm etwas beizubringen. Moderne Trainingsmethoden kommen ohne körperliche und psychische Gewalt aus.

Gewaltfrei bedeutet:

• keine Schmerzen zufügen

• keine Angst als Werkzeug nutzen

• den Hund nicht einschüchtern

• den Hund nicht brechen

• den Hund nicht in Hilflosigkeit bringen

Das ist möglich. Das ist sinnvoll. Das ist ethisch notwendig.

 

Kann Hundetraining ohne Strafe funktionieren?

Hier wird es spannend.

Viele sagen: „Ich arbeite komplett ohne Strafe.“

Wenn man dann nachfragt, wie sie trainieren, hört man Sätze wie:

„Wenn der Hund zieht, bleibe ich stehen.“

• „Wenn der Hund bellt, bekommt er keine Aufmerksamkeit.“

• „Wenn der Hund nicht sitzt, bekommt er kein Leckerli.“

All das ist aus Sicht der Lerntheorie Strafe. Genauer gesagt: negative Strafe.

Etwas Angenehmes wird entzogen, damit ein Verhalten weniger wird.

Das heißt:

Denn Lernen besteht immer aus zwei Seiten:

• Verhalten, das sich lohnt, wird mehr.

• Verhalten, das sich nicht lohnt, wird weniger.

Wenn ein Verhalten sich nie „nicht lohnt“, gibt es keinen Grund, es zu verändern.

 

Was ist mit „Druck“ – braucht Lernen das?

Das Wort „Druck“ ist ähnlich aufgeladen wie „Strafe“.

Auch hier lohnt sich ein genauer Blick.

Es gibt:

• Zerstörerischen Druck:

Überforderung, Angst, Bedrohung, Hilflosigkeit.

Das ist problematisch und gehört nicht ins Training.

• Entwicklungsdruck:

Leichte Herausforderung, ein bisschen Frust, ein bisschen Warten, ein bisschen Anstrengung.

Das ist normaler Bestandteil von Lernen.

Ein Beispiel aus dem Alltag:

Ein Kind lernt Fahrrad fahren. Es ist anstrengend, es fällt vielleicht einmal hin, es muss üben, es ist frustriert, weil es nicht sofort klappt.

Das ist Druck im Sinne von Herausforderung.

Niemand würde sagen: „Das Kind wird misshandelt, weil es üben muss.“


Beim Hund ist es ähnlich:

• Ein Hund, der kurz warten muss, bevor er etwas bekommt, erlebt Frust.

• Ein Hund, der lernen muss, an anderen Hunden vorbeizugehen, ohne hinzustürmen, erlebt inneren Druck.

• Ein Hund, der ein neues Signal lernen soll, muss sich konzentrieren.

Lernen ohne jede Form von innerem Druck, ohne jede Frustration, ohne jede Herausforderung ist nicht realistisch.

Entscheidend ist, wie wir damit umgehen:

• Ist der Hund überfordert oder angemessen gefordert?

• Hat er Erfolgserlebnisse oder erlebt er nur Scheitern?

• Wird er begleitet oder allein gelassen?

Guter Druck ist wie ein Trainingsreiz im Sport. Schlechter Druck ist wie Dauerdruck, der krank macht.

 

Wo fängt Gewalt an, wo hört faire Konsequenz auf?

Eine hilfreiche Orientierung:

Keine Gewalt:

• Leine kurz nehmen, um Sicherheit herzustellen

• sich zwischen Hund und Reiz stellen

• Training abbrechen, wenn der Hund überdreht

• Aufmerksamkeit entziehen, wenn der Hund unerwünschtes Verhalten zeigt

• ein klares, ruhiges „Nein“ oder „Stopp“

• Frust zulassen, aber begleiten

Gewalt:

• Leinenrucke, die Schmerzen verursachen

• körperliches Niederdrücken

• Anschreien, Bedrohen

• Hilfsmittel, die Schmerz oder Angst auslösen

• den Hund absichtlich in Panik bringen

• den Hund in Situationen zwingen, die ihn überfordern

Die Grenze verläuft nicht bei „alles, was dem Hund nicht gefällt, ist Gewalt“, sondern bei „alles, was dem Hund Schmerzen, Angst oder Hilflosigkeit zufügt“.

Und was ist mit dem nicht gegebenen Leckerli?

Ein nicht gegebenes Leckerli ist aus Sicht der Lerntheorie bereits Strafe. Der Hund hat etwas versucht, es hat sich nicht gelohnt. Das ist nicht schlimm. Das ist normaler Lernprozess.

Wichtig ist:

• Der Hund versteht, was er stattdessen tun soll.

• Der Hund hat echte Chancen, richtig zu handeln.

• Der Hund erlebt mehr Erfolg als Misserfolg.

• Der Hund wird nicht in endlose Frustration geschickt.

Strafe ohne Anleitung ist unfair.

Strafe als Teil eines klaren Lernprozesses, in dem der Hund weiß, wie er zum Erfolg kommt, kann fair und gewaltfrei sein.

 

Eine ehrliche, klare Position

Wenn wir ehrlich sind, lautet die fachlich saubere Aussage:

Ja, Hundetraining muss ohne Gewalt funktionieren.

Es gibt keinen Grund, Schmerzen oder Angst als Werkzeug zu nutzen.

Nein, Hundetraining kann nicht ohne Strafe funktionieren.

Denn jedes Nicht-Belohnen ist bereits Strafe im lernpsychologischen Sinn.

Und ja, Lernen braucht ein gewisses Maß an innerem Druck.

Ohne Herausforderung, ohne Frust, ohne Anstrengung gibt es keine Entwicklung.

Der Unterschied liegt nicht zwischen „Strafe ja oder nein“,

sondern zwischen:

• Gewalt versus gewaltfrei

• willkürlich versus fair

• unverständlich versus klar

• überfordernd versus angemessen fordernd


Meine Verpflichtung: 

Ich lehne Gewalt im Hundetraining klar ab.

Ich arbeite ohne Schmerz, ohne Angst, ohne Einschüchterung.

Gleichzeitig bin ich ehrlich:

Ich arbeite nicht ohne Konsequenzen, nicht ohne Grenzen und nicht ohne Frust.

Denn Lernen bedeutet immer auch, dass sich etwas nicht lohnt, damit etwas anderes sich lohnen kann.

Entscheidend ist nicht, ob wir das Wort „Strafe“ mögen, sondern ob der Hund sich sicher fühlt, verstanden wird und fair behandelt wird.


Herzlich, kritisch, hundeverliebt – eure Petra Puderbach-Wiesmeth 


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Foto: (c)canva, Petra Puderbach-Wiesmeth

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